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Kulinarisches Divestyle - Magazin DIVE & DINE

EDITORIAL

Ilka Weber Redaktion Technik & Reise

Michael Goldschmidt

Liebe Leserinnen und Leser,

immer wieder werden Sporttaucher gefragt, was ihnen im Verlauf eines Tauchgangs am besten gefällt. Die Antwort Nummer eins ist ganz klar: Das Schweben. Wobei, die Herren im schwarzen Neopren möchten sich da nicht unbedingt darauf festlegen lassen. Passt vielleicht nicht zum Macho – Image.
Taucherinnen sind sich jedoch schwerpunktmäßig einig, sie schweben am liebsten und setzen sich ganz in Ruhe mit der anderen Welt auseinander. Die meisten zumindest.
Ich hatte schon mal einen Female – Buddy, da zitterten die Flossen bereits beim Anziehen, weil der Motor schon angeworfen worden war. Bei ihr klemmte das Gaspedal, wie bei Toyota und nachdem ich das beobachtet hatte, war mir die Oberflächlichkeit in ihrem Leben generell auch erklärlich. Oberflächlichkeit sehe ich prinzipiell als negative Begleiterscheinung einer Zeit, unserer Zeit, in der alles immer schneller, effektiver, produktiver und im Erfolg zu 100% messbar erledigt werden soll. Auch wenn wir mittlerweile eine große Menge sinnvoller technischer Hilfsmittel zur Verfügung haben, die ehemals langwierige Prozesse auf einen human verträglichen Zeitraum eindampften, hat die ungezügelte Erwartungshaltung einer arbeitgebenden Gesellschaft ihren Mitarbeitern gegenüber Forderungen zur weiteren Zeiteinsparung bei Arbeitsprozessen formuliert, die man als inhuman bezeichnen muss.
Wer heute mit 65 Jahren aus dem Arbeitsleben ausscheidet, hat im Laufe seiner Berufstätigkeit ein Vielfaches an „Produktivität“ erbracht, als ein Arbeitnehmer, der vor 15 Jahren in einen ihm wohl gegönnten Ruhestand gehen konnte. Am Gehalt spürt der heute Arbeitende aber keinerlei Ausgleich für seine immense Mehrleistung und begleitende psychische Belastung.
Und dann höre ich „Schweben“ als das „non plus ultra“, um die Faszination des Tauchens zu beschreiben.
Der Weg zurück ins Wasser, für Menschen eine fast vorgeburtliche Erfahrung, die für einen längeren Zeitraum nur mit technischen Hilfsmitteln zu realisieren ist. Da war man geborgen, wurde ernährt und man schwebte sorgenlos...
Apnoe – Tauchen kommt wohl dem vorgeburtlichen Schweben am nächsten. Aber nur ganz wenige der ausgebildeten Sporttaucher öffnen sich dieser Methode, den Lebensraum Wasser mit wenig technischen Hilfsmitteln ganz in Ruhe auf sich wirken zu lassen. Um mit angehaltenem Atem entspannt einen Zeitraum von zwei, drei oder mehr Minuten unter Wasser zu verbringen, in einer Stille, die sonst Gerätetauchern nur teure Rebreather ermöglichen, muss man sich mental auf das Erlebnis vorbereiten. Die Hetze des Alltags hat hier keinen Platz, das Tauchen nur für sich und ohne Pressluftflasche auf dem Rücken steht im Mittelpunkt. Das hat schon etwas von Yoga, um die wohl bekannteste Entspannungsübung zu zitieren.
So gesehen wäre das Tauchen wohl der ideal befreiende Gegensatz zu den zeitgedrängten Anforderungen der Arbeitswelt. Einfach nur schweben, schauen, erleben.
Immer schon sind für mich Taucherinnen die bevorzugten Buddys. Zumeist gibt es keine Hektik vor, während und nach dem Tauchgang, das Erlebnis unter Wasser ist in aller Regel nicht durch einen Sprint von A nach B gekennzeichnet. Und die weiblichen Buddys sehen auch mehr, sind die besseren Beobachter, Tippgeber für ein Motiv. Abgesehen davon, machen sich Taucherinnen mit den wenigen Farbakzenten, die ihnen die Industrie an ihrem Equipment zugesteht, im Bild ohnehin viel besser, als die trauerschwarzen Jungs...  
Einziges Problem, viele Taucherinnen haben sich lediglich den wohl temperierten Gewässern verschrieben. Die Mädels, die mit Spaß rund ums Jahr auch in unseren Seen abtauchen, sind eher eine Randgruppe.
Was schreckt sie ab?
Nun gut, die Damen frösteln allgemein leicht und ich werde nie vergessen, wie eine Freundin auf meine Frage, ob ihr kalt sei, antwortete: „Nein, ich friere aus Leidenschaft“. Das war aber noch auf dem Trockenen, Tauchen lernte sie erst später, nachdem ihr das Fallschirmspringen nicht mehr allein genügte...
Meine Antwort zur Frage, was Taucherinnen abschreckt, auch in unseren Seen zu tauchen, ist einfach: Es sind die Jungs. Da geht es um Tiefe, besondere technische Ausrüstung, Erlebnishunger a la Macho. Da geht es nicht um das differenzierte Wahrnehmen der Umgebung unter Wasser, die spannende Entdeckung kleiner Highlights, den stressfreien Genuss eines Tauchgangs.
Und die Industrie gibt den Rest dazu. Schon die Farbgebung des Equipments in düsteren Farben trägt nicht dazu bei, dunkelgrüne Tiefen lebensfroh besuchen zu wollen.
Ginge es nach der Tauchindustrie, wären wahrscheinlich die Bereiche von Operationssälen in Kliniken und die Kittel der Chirurgen auch tiefschwarz (weil es so professionell aussieht...) und nicht, ganz bewusst, grün. Grün beruhigt und entspannt, Farbpsychologie erstes Semester.
Mein erster Halbtrockenanzug, den ich damals von Barakuda maßgeschneidert orderte, war: Grün. Auch das Jacket, die Flossen....
Es war eine schöne Zeit. Und wenn die Farben ins Tauchequipment zurückkehren, werden auch wieder mehr Taucherinnen an unseren Seen zu finden sein.
Darauf freue ich mich.
Denn mit Ihnen schwebe ich am liebsten.

Herzliche Grüße

Ihr

Michael Goldschmidt


PS:
Im März wird wieder auf die Sommerzeit umgestellt.... nicht vergessen....

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